Hamburg. In Hamburg und Deutschland gibt es mehr ungenutztes unternehmerisches Potenzial, als man denkt. Eine gemeinsame Befragung der Handelskammer Hamburg und der Bertelsmann Stiftung zeigt: Die Unterschiede zwischen Angestellten sowie Unternehmerinnen und Unternehmern sind deutlich geringer als oft behauptet. Unternehmertum ist keine Typfrage – sondern eine Frage der Rahmenbedingungen.
Gleichzeitig bleibt die Gründungsdynamik in Deutschland seit Jahren hinter ihren Möglichkeiten zurück. Besonders bei jungen Menschen zeigt sich eine Lücke: Nur rund drei Prozent sind selbstständig – deutlich weniger als im EU-Durchschnitt von über fünf Prozent.
Dr. Malte Heyne, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg: “Das Potenzial ist da, aber wir lassen es zu oft liegen. Wenn wir weiter mit komplizierten Verfahren, hohen Hürden und zu wenig unternehmerischer Bildung arbeiten, verspielen wir Chancen für Wachstum und Innovation. Im Sinne unserer Standortstrategie Hamburg 2040 geht es darum, unternehmerisches Denken gerade bei jungen Menschen frühzeitig zu fördern und stärker zu vermitteln, dass neben der Neugründung auch die Übernahme eines bestehenden Unternehmens ein attraktiver und oft unterschätzter Weg in die Selbstständigkeit sein kann. So sichern wir die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit der Hamburger Wirtschaft.”
Die Handelskammer Hamburg unterstützt niedrigschwellig mit der Unternehmenswerkstatt sowohl bei der Existenzgründung als auch bei der Unternehmensübernahme. Digitale, praxisnahe Tools werden hier mit persönlicher Beratung durch Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner der Handelskammer verbunden – kostenlos und vertraulich.
Für die Untersuchung bewerteten mehr als 5.400 Teilnehmende ihre Ausprägung in acht zentralen unternehmerischen Eigenschaften – darunter Risikobereitschaft, Durchsetzungsfähigkeit und Leistungswille. Das Ergebnis ist eindeutig: Selbstständige liegen bei allen Merkmalen nur minimal über Angestellten. Lediglich beim Wunsch nach Unabhängigkeit zeigt sich ein etwas größerer Abstand. Mit anderen Worten: Der oft zitierte "Unternehmertyp" ist ein Mythos.
Die Ergebnisse drehen die Perspektive: Nicht mangelnde Eignung bremst Gründungen in Deutschland, sondern unzureichende Bedingungen. Dabei ist klar: Mehr Unternehmertum entscheidet über Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung.
"Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass der Weg zum Gründer oder zur Gründerin keiner kleinen Gruppe mit bestimmten, nur hier anzutreffenden Persönlichkeitsprofilen vorbehalten ist. Im Gegenteil: Viele Menschen, die angestellt beschäftigt sind, tragen wesentliche Merkmale des Gründungsgeistes bereits in sich. Damit gibt es in Deutschland viel mehr potenzielle Unternehmerinnen und Unternehmer, als oft angenommen wird. Hieraus bietet sich eine große Chance für die Gründungsdynamik und Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft", sagt Ivo Andrade, Experte der Bertelsmann Stiftung für Jugend und Wirtschaft.
Gerade mit Blick auf die Unternehmensnachfolge wird der Handlungsdruck größer: Bis Ende 2029 werden bundesweit jährlich rund 109.000 Nachfolger gesucht. Gleichzeitig steht ein erheblicher Teil der Betriebe ohne Perspektive vor der Schließung.
Hier liegt ein bislang unterschätztes Potenzial: Angestellte können deutlich stärker für die Nachfolge gewonnen werden – insbesondere aus den eigenen Belegschaften heraus.
Die Handelskammer Hamburg setzt sich insbesondere dafür ein:
- Unternehmensgeist früh zu fördern Unternehmerisches Denken muss systematisch in Schule, Ausbildung und Studium verankert werden – praxisnah und erfahrungsbasiert.
- Intrapreneurship zu stärken Unternehmen dabei unterstützen, gezielt Räume zu schaffen, in denen Mitarbeitende eigene Ideen, Produkte oder Prozesse weiterentwickeln können, mit den Ressourcen und der finanziellen Absicherung des Betriebs.
- Nachfolge zu erleichtern und sichtbarer zu machen Unternehmensübernahmen müssen als gleichwertiger Weg zur Gründung etabliert werden – mit besserem Zugang zu Information, Finanzierung und Beratung.
