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Gemeinwohl-Ökonomie

Gemeinwohl-Ökonomie Hamburg feierte 10-jähriges Jubiläum


Hamburg (em) Am 18.08. feierte die Gemeinwohl-Ökonomie Hamburg ihr 10-jähriges Jubiläum in der Hamburger Markthalle mit rund 300 Gästen. Mit dabei waren zahlreiche Vertreter*innen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die Nachhaltigkeit schon heute konsequent umsetzen: Sie sind Vorbilder ihrer Branchen für eine konsequente sozial-ökologische Transformation bzw. fordern genau diese als zivilgesellschaftliche Organisationen gemeinsam mit der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). In einer Podiumsrunde sprachen Finanzsenator Dr. Andreas Dressel, die Geschäftsführer*innen von Stadtreinigung und Nack Büroeinrichtungen sowie die Dekanin der Fakultät Life Science der HAW über die Potenziale der Gemeinwohl-Ökonomie für eine sozial-ökologische Transformation der Stadt und ihrer Wirtschaft.

Die 10-Jahresfeier mit Grußwort des GWÖ-Gründers Christian Felber bot den Gästen eine bunte Mischung aus politischer Diskussion, Kurzimpulsen von Stefan Voelkel (Voelkel GmbH), Esin Rager (FC St. Pauli), Christine Prießner (Fair Trade Stadt Hamburg) und Mike Keller (Markthalle Hamburg), Einblicke in die Geschichte und Arbeit der GWÖ Hamburg, viel Austausch und Begegnung mit Nachhaltigkeits- und Gemeinwohl-Interessierten sowie Unterhaltung mit Comedy und Musik. Christian Felber, Gründer und Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie ließ es sich nicht nehmen, zum 10-jährigen Jubiläum der Regionalgruppe in Hamburg in die Hansestadt zu kommen und seine Worte und Wünsche in einem Grußwort persönlich an das Publikum zu richten. Die Wichtigkeit einer Gemeinwohl-Ökonomie machte er besonders deutlich, indem er aufzeigte, wie stark in den letzten zwei Jahren der Hunger auf der Welt zugenommen hat, sich gleichzeitig aber der Reichtum einiger Weniger extrem vermehrte. Das Vermögen von Elon Musk würde z.B. reichen, um allen (!) Hungerleidenden auf der Welt je 1000 EUR zu geben. Felbers Vision für Hamburg ist, dass die Stadt als Vorreiterin einen Gemeinwohl-Index einführt und damit zum Vorbild für andere Großstädte und Bundesländer wird.

Im Podiumsgespräch mit Finanzsenator Dr. Andreas Dressel, der gemeinwohl-zertifizierten Unternehmerin Annett Nack- Warenycia, Geschäftsführer Prof. Dr. Rüdiger Siechau von der Stadtreinigung und Dr. Helga Andree, Dekanin der Fakultät Life Science der HAW wurde deutlich, dass die Entscheidung für die Gemeinwohl-Ökonomie für die Beteiligten in Wirtschaft und Bildung viel mehr bedeutet als die bloße Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten nach den Indikatoren der GWÖ.

Zur Bedeutung von Gemeinwohl-Bilanzierungen für städtische Unternehmen betonte Finanzsenator Dressel, es sei wichtig, „keine Papiertiger zu produzieren, sondern Nachhaltigkeit in den Alltag und das Denken der städtischen Betriebe einzupflanzen“. Das benötige auch Zeit. Gemeinwohl-Berichte seien ein Instrument, aber es brauche noch viel andere, zum Beispiel mit Blick auf die Klimapolitik.

Dass die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz kein „Papiertiger“ ist, wurde aus den Ausführungen von Prof. Dr. Siechau deutlich: Als erstes städtisches Unternehmen in Hamburg erstellt die Stadtreinigung gerade ihre Gemeinwohl-Bilanz und wird diese im Dezember dem Aufsichtsrat präsentieren. Entscheidend sei, dass nicht eine Abteilung die Berichte macht und eine andere die Arbeit, so Siechau: „Wichtig ist, dass wir aus den Berichten lernen, Mehrwert daraus ziehen und in großen Kreisläufen denken.“ Dr. Helga Andree machte deutlich, dass Unternehmen sich attraktiv machen müssen für künftige Fachkräfte. Dabei stünde der große Wunsch nach sinnhafter Beschäftigung heute sehr viel mehr im Mittelpunkt junger Menschen als Karriere zu machen. Zum GWÖ-Projekt sagte sie: „Das Projekt hat große Begeisterung ausgelöst. Studierende haben für die GWÖ-Fokusberichte die Seitenzahl hochgehandelt - üblich ist sonst eher, dass bei Arbeiten versucht wird, die Seitenzahl herunterzuhandeln“. Das Projekt habe auch bei den Unternehmen einen Nerv getroffen, sie hätten sich viel Zeit für die Studierenden genommen und es konnten in dem Prozess auf allen Seiten ganz viele Erkenntnisse gewonnen werden, so Andree.

Auch Unternehmerin Annett Nack-Warenycia, deren Büroeinrichtungsunternehmen seit 2021 gemeinwohl-zertifiziert ist, machte klar, dass die Motivation für eine Gemeinwohl-Bilanzierung viel mehr ist als das Veröffentlichen schöner Berichte: „Wir wollen nicht einfach weitermachen, sondern einen wirklichen Wandel, wir wollen das System drehen. Ich wünsche mir mehr Mut von Seiten der Politik, bessere Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaften zu schaffen, denn die meisten kleinen und mittelständischen Betriebe sind bereit, diesen Weg mitzugehen. Die Bremser sind die Großen, die auch mehr zu verlieren haben.“

Gefragt danach, was Sie der GWÖ wünschen, sagte Finanzsenator Dressel, dass die GWÖ weiter engagiert Ihren Weg gehen, aber trotzdem Kompromissfähigkeit dabei zeigen solle. Und Dekanin Dr. Andree hat mit Blick auf den 20. Geburtstag der GWÖ Hamburg bereits vor Augen, dass dieser möglicherweise an einer dann gemeinwohl-bilanzierten Hochschule mit einem Fachbereich „GWÖ und andere alternative Wirtschaftsmodelle“ gefeiert werden könne.

Über die Gemeinwohl-Ökonomie Hamburg
Im Dezember 2012 gründeten rund 35 Hamburgerinnen und Hamburger im Umwelthaus am Schüberg gemeinsam mit dem Initiator der GWÖ, Christian Felber, die Regionalgruppe Hamburg – gut zwei Jahre, nachdem die GWÖ in Österreich ins Leben gerufen wurde. Seit Gründung kann die Regionalgruppe auf viele Meilensteine zurückblicken:

 Gemeinwohl-Berater*innen haben zahlreiche Unternehmen und Organisationen bei der Erstellung ihrer Gemeinwohl-Bilanzen begleitet, u.a. Voelkel, Goldeimer, die Markthalle Hamburg, das IT-Unternehmen inoio, Tofu Nagel, Greenpeace Deutschland und als erstes städtisches Unternehmen die Stadtreinigung Hamburg
 Der FC St. Pauli befindet sich im Prozess der Bilanzerstellung und setzt sich innerhalb der DFL für eine bindende Gemeinwohl-Bilanzierung aller Bundesliga-Clubs ein.
 Die GWÖ hat Eingang in den aktuellen Koalitionsvertrag des rot-grünen Senats in Hamburg gefunden, in dem ein städtisches Unternehmen als Pilot eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen soll (Stadtreinigung Hamburg). Bei positiver Evaluation ist eine Ausdehnung auf alle städtischen Unternehmen geplant.
 Die ersten Gemeinden in Norddeutschland haben, begleitet durch Hamburger Gemein-wohl-Berater*innen, eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt bzw. befinden sich auf dem Weg.
 Hamburg ist zugleich Sitz des Regionalvereins „Gemeinwohl-Ökonomie Nord e.V.“ (Gründung 2017) und des internationalen GWÖ-Verbands (Gründung 2018).
 Gefördert von der SPARDA-Bank befindet sich seit 2022 ein Kooperationsprojekt mit ersten Pilotschulen in der Realisierung, um die GWÖ im Schulunterricht zu verankern.
 In Zusammenarbeit mit der Hochschule 21 in Buxtehude und mit der HAW in Bergedorf wurden jeweils Projekte realisiert, bei denen Studierende mit Unternehmen aus der Region sogenannte GWÖ-Fokusberichte erstellt haben.

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