Wahlstedt (em) „Hier sehen Sie die zweitschnellste Anlage dieser Art in Europa. Die Schnellste steht in unserer Halle nebenan.“ Mit diesen Worten umschrieb Dr. Nikolas P. Bastian, Geschäftsführer der pelzGROUP in Wahlstedt, dass die W. Pelz GmbH & Co. KG allein aufgrund ihrer Ausrüstung Marktführerin für die Herstellung von Hygiene-Produkten und Vliesen in Europa ist. Außer der pelzGROUP gibt es in der Stadt am Rande des Segeberger Forsts viele weitere Hidden Champions. Schleswig-Holsteins Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus, Claus Ruhe Madsen, überzeugte sich auf Einladung der IHK zu Lübeck und der Arbeitsgemeinschaft Industrie und Handel e.V. (AIH) von der hohen Güte des weiter wachsenden Standorts, an dem es rund 2.000 Industriearbeitsplätze gibt.

Auch IHK-Hauptgeschäftsführer Lars Schöning stellte die Leistungsfähigkeit der mittelständischen Industrieunternehmen heraus. „Wahlstedt ist ein sehr wichtiger Standort für Schleswig-Holstein, mit einem ausgewogenen Mix an innovativen mittelständischen Industriebetrieben. Sie haben beispiellose Wachstums-Stories geschrieben und schreiben sie immer noch“, betonte er. „Sie bieten attraktive Arbeitsplätze. Damit potenzielle Bewerber davon erfahren, müssen wir gemeinsam die Aufmerksamkeit für den Standort und seine Unternehmen weiter erhöhen.“ Die Einladung des Ministers sei ein wichtiger Schritt gewesen, denn die Wahlstedter Unternehmen fallen in der Landeshauptstadt nicht dadurch auf, dass sie laufend Fördermittelbescheide erhalten: Sie investieren aus eigenen Mitteln in Anlagen und Produktion. 

Angefangen hatte der Aufstieg Wahlstedts nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Bis 1945 gab es dort ein Marinearsenal zur Produktion und Lagerung von Munition. Lars Schöning, IHK-Vicepräses Jochen Brüggen und Minister Claus Ruhe Madsen besuchten drei Unternehmen, die seit dem Wiederaufbau am Standort sind. 1948 siedelte Willy Pelz dort sein Werk zur Herstellung von Watteprodukten an. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Unternehmen zu einem der führenden Hersteller von Hygiene-Produkten in Europa. Zudem hat sich die pelzGROUP auf Haushalts-, Industrie- und Verpackungsfolien sowie Vliesstoffe für Medizin, Hygiene und Filtration spezialisiert.  

„Wir sind sehr breit aufgestellt und haben daher einen großen Vorteil im Vergleich zu unseren Wettbewerbern“, so Bastian. „800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen wir am Standort. Wir sehen uns daher in einer besonderen Verantwortung auch für die Familien unserer Beschäftigten.“ Schon bald will das Unternehmen die Produktion von Vliesen für den Zigarettenersatz Snus ausweiten, vor allem in den USA sei die Nachfrage groß, sagte der Geschäftsführer.  

Schon ein Jahr vor Pelz entstand an der Industriestraße eine Glasfabrik, die heute zur international tätigen Ardagh Group gehört. Diese ist ein weltweit führender Anbieter für Verpackungen in den Bereichen Metall, Glas und Technologien. Das Werk in Wahlstedt gehört zur deutschen Ardagh Glass GmbH und beschäftigt rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Täglich verlassen rund 1,5 Millionen Glasbehälter die Fabrik, sagte Werkleiter Hans Teutsch. Die Produktion von Gläsern und Flaschen für den Einsatz in der Lebensmittel- und Getränkebranche, aber auch in der pharmazeutischen Industrie sei allerdings sehr energieintensiv. Teutsch beklagte daher die Energieengpässe nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges und forderte Preissenkungen und Versorgungssicherheit, um weiter am Standort produzieren zu können. 

Auch die Lichtenheldt GmbH hat sich 1948 in Wahlstedt angesiedelt. Das Unternehmen blickte bereits auf eine 200-jährige Geschichte in Thüringen zurück. Vor 40 Jahren übernahm der Norderstedter Hans-Joachim Eisele das Familienunternehmen. Heute führt seine Tochter Andrea Schulz-Ayecke gemeinsam mit Dr. Armin Jentsch die Geschäfte. Lichtenheldt entwickelt und stellt pharmazeutische Produkte her. Zudem füllen die Wahlstedter Produkte für ihre Auftraggeber ab und übernehmen den Versand. Das Unternehmen wächst und investiert in den kommenden Jahren mehr als 15 Millionen Euro in moderne Produktionsanlagen und -räumlichkeiten, um weiterhin am Standort attraktiv produzieren zu können. Es beschäftigt zurzeit mehr als 250 motivierte Frauen und Männer – Tendenz steigend, bis zu 50 neue Stellen sind in Planung. 

Damit die Unternehmen dem Standort auch weiterhin die Treue halten und in weiteres Wachstum investieren können, müsse die Politik die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft verbessern, forderte Bastian. Die Industrieunternehmen litten weiterhin unter den hohen Energiepreisen, die sie im internationalen Wettbewerb schwächen würden, sagte er. 

In den Gesprächen wurde deutlich, dass die Transformation hin zur Klimaneutralität ein wichtiges Thema auch für den Mittelstand in Wahlstedt ist. Aber die aktuellen regulatorischen Belastungen behinderten die Transformation an vielen Stellen und erschwerten Investitionen. Die Politik müsse daher konsequent neue Belastungsgesetze stoppen und überflüssige Regulierungen streichen, fordern die AIH-Mitglieder und IHK-Vertreter. Das gelte auch für die Regelungen innerhalb der Europäischen Union. Wichtig sei es, dass die Entlastungen in der Alltagspraxis der Unternehmen ankommen, nur dann wachse das Vertrauen in Politik und Standort wieder. Gerade jetzt könne der Verzicht auf nutzlose Vorschriften und deutlich vereinfachte Verfahren positive Impulse auslösen. 

Mit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, der Nachhaltigkeitsberichterstattung oder zusätzlichen Offenlegungspflichten kommen auch auf mittelständische Betriebe aktuell neue Bürokratielasten zu. Diese Themen zusätzlich zu den aktuell immer noch vergleichsweise hohen Energiepreisen und einem größer werdenden Fachkräftemangel zu bewältigen, sei sehr herausfordernd. In Zukunft sollten unbedingt einfachere Regelungen durch eine frühere Einbindung der mittelständischen deutschen Wirtschaft in die Gesetzgebungsprozesse entstehen. Die Fachleute in den Ministerien sollten mit den Betroffenen aus der Wirtschaft zusammenarbeiten und bereits im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens „Praxis-Checks“ ermöglichen, betonte Schöning.     

Der Minister betonte abschließend, er wäre positiv überrascht gewesen von der „außergewöhnlichen Dichte an Industriearbeitsplätzen und der Komplexität der Produktionen hier am Standort“. Wahlstedt biete vor allem jüngeren Fachkräften Chancen, betonte er. „Sie alle zusammen sind die besten Beispiele dafür, wie viel Spaß Unternehmertum macht“, ergänzte der Minister. 

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