Lübeck. Wer die Kosten und Herausforderungen der Wiedervereinigung, der Finanzkrise und der Corona-Pandemie bewältigt und weggesteckt hat, kann weiterhin einen Spitzenplatz in der Weltwirtschaft belegen. Voraussetzung ist die Bildung eines starken weiteren Pols neben den USA und China in einer zunehmend geopolitisch geprägten Welt, und der kann nur Europa sein. Mit diesem ermutigenden Aufbruch-Signal für den Standort Deutschland und Europa von Professor Dr. Thomas Straubhaar ist die Wirtschaft im Hansebelt ins neue Jahr gestartet. "Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Wenn ich eins gelernt habe: Unternehmen können mit Unsicherheiten sehr gut leben. In unsicheren Zeiten unterscheiden sich gute Unternehmen durch Anpassung an die Rahmenbedingungen von schlechten", sagte der international renommierte Wirtschaftsexperte auf dem Neujahrsempfang der IHK zu Lübeck.

Mehr als 1.100 Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen, Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Bundeswehr und öffentlichem Leben nahmen an der Veranstaltung in der Musik- und Kongresshalle Lübeck teil, unter ihnen Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen, Sozialministerin Aminata Touré, Digitalisierungsminister Dirk Schrödter sowie Staatssekretärinnen und Staatssekretäre. IHK-Präses Thomas Buhck sieht ebenso wie Straubhaar gute Chancen für die Wirtschaft im Hansebelt. "Es bedarf einer guten Portion Mut, Vertrauen und Besinnen auf die eigenen Stärken sowie den Glauben an die Zukunft", sagte er. Mut erwarte er vor allem von der Politik, den Reformstau in den Bereichen Innovationsfähigkeit, Rente, Pflege und Gesundheit abzubauen. "Die Wirtschaft braucht vor allem Verlässlichkeit bei den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, um wieder Vertrauen in den Standort und die Politik zu fassen." 

Auch Ministerpräsident Daniel Günther ist zuversichtlich, dass 2026 das "Jahr der Reformen" werde. "Wir kommen weiter voran. Aber der Reformbedarf ist groß. Die Menschen in unserem Land sind allerdings reformfreudiger, als viele von uns Politikern denken." Ihm sei bewusst, dass vieles schneller gehen müsse im Land, daher müsse die Politik über die von der IHK geforderten Änderungen hinaus die Planungen von Vorhaben beschleunigen. Zugleich appellierte er an die Bürgerinnen und Bürger, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Die Politik könne hier den Rahmen setzen, die Modernisierung sei aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, so Günther.  

Eine Delegationsreise nach Finnland und Estland im November vergangenen Jahres habe dem Ministerpräsidenten bestätigt, was Straubhaar sagte: Es gebe keinen Grund, sich kleinzureden. "Ich bin stolz darauf, wie diese beiden Länder auf Schleswig-Holstein schauen. Unser Weg zur Klimaneutralität, unser Tempo bei der Digitalisierung und unsere Datensouveränität sind auch dort positiv registriert worden", so Günther. Aber auch Deutschlands aktive Rolle in der sich verändernden Welt und die Übernahme von Verantwortung in der Außenpolitik stießen international auf hohe Resonanz. 

Dennoch müsse Deutschland noch aktiver werden, um nicht zwischen den Polen USA und China bedeutungslos zu werden. In seinem Vortrag "Deutschlands Rolle in einer sich verändernden Welt" betonte Straubhaar, dass die alten, insbesondere von den Europäern aufgestellten Regeln in der internationalen Wirtschaft bald nicht mehr greifen und gelten würden. "Die Zeit des Multilaterimus ist vorbei", so die schonungslose Analyse von Straubhaar. Schon lange vor US-Präsident Donald Trump hätten die USA angefangen, sich von der alten Ordnung zu lösen. Diese sei daher Vergangenheit. "Für Trump spielt Europa keine Rolle. Es ist ein Störenfried mit einem Sozialstaats-System, das die USA nicht kennen.," Protektionismus sei zwar schlechter und teurer als freier Handel, aber unter den gegebenen Umständen habe Deutschland keine andere Wahl, als selbst zum Pol einer neuen geopolitischen Ordnung zu werden, mit einer multipolaren und nicht mehr multilateralen Ausrichtung.  

Mit nur rund einem Prozent der Weltbevölkerung sei Deutschland zwar klein, aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke stehe das Land aber noch mit an der Spitze der Wirtschaftsnationen und könne zum Motor in einem starken Europa werden. Vor allem von einer engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem "Musterschüler" Polen und den baltischen Staaten erwarte Straubhaar positive Effekte für deutsche Unternehmen.  Die einzige Antwort auf das US-Motto MAGA (Make America Great Again) sei daher "MEGA – Make Europe Great Again!", sagte der Wissenschaftler unter Applaus der Zuhörer. 

Unter großem Veränderungsdruck steht die Ukraine. Der russische Angriff zwingt das Land, mutig und entschlossen Innovationen voranzutreiben und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu verbessern. "Trotz vier Jahren Krieg und fehlender Heizenergie bei minus 15 Grad Celsius Außentemperatur sind die Ukrainer mit grimmiger Gelassenheit und Entschlossenheit ins neue Jahr gestartet", sagte Reiner Perau, Geschäftsführer der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer in Kiew. In einer Liveschalte betonte er, wie erstaunlich es sei, "dass sich Wirtschaft und Unternehmen gut schlagen. Bei Kriegsausbruch gab es viele Schäden in den Unternehmen, aber seit Sommer 2022 steigt das Wachstum. Das Geheimnis heißt Marktwirtschaft, die Unternehmen passen sich an die Gegebenheiten an." 

Ein weiterer bedeutender Faktor: "Not macht erfinderisch." Die Ukrainer setzten alle Hebel an, um die Produktion hochzufahren und verteidigungsfähig zu sein. "Seit 2022 sind bis zu 800 neue Unternehmen in der Verteidigungsindustrie entstanden. Das Land hat viele gute Ingenieure in der Entwicklung", so Perau. Die beste Unterstützung für die Ukraine sei wirtschaftliche Aktivität. "Die gibt es auch außerhalb der Verteidigung. Aber Verteidigung, Bau und Energie sind derzeit führend, Fortschritte gibt es auch bei den erneuerbaren Energien." Das wäre eine Chance für die schleswig-holsteinische Wirtschaft, denn diese habe in diesem Bereich viel beizusteuern. Große Chancen sieht Perau für die Zeit nach dem Krieg: "Es wird einen langen Aufschwung geben. Für den Wiederaufbau des Landes wird über Jahre viel Geld zur Verfügung stehen, ich erwarte ein jährliches Wachstum von bis zu fünf Prozent."  

Diese eindringlichen Schilderungen aus dem vom Krieg erschütterten Land verdeutlichten, dass es einer Besinnung auf die eigenen Stärken sowie den Glauben an die Zukunft bedürfe, um sich in der verändernden Welt zu behaupten, sagte IHK-Präses Buhck. "In unserer Region sind wir extrem gut aufgestellt. Lassen Sie uns diese Position nutzen, lassen Sie uns mutig in die Zukunft investieren." 

Dafür seien allerdings verlässliche und vor allem wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen erforderlich. "Schließlich wollen wir auch in Zukunft vorn in der Welt mitspielen", sagte IHK-Vicepräses Alexandra von Oven-Batsch in einer vom Radio- und Fernsehjournalisten Christopher Scheffelmeier moderierten Runde. "Unsere Unternehmen leiden längst nicht mehr nur unter hohen Energiekosten, sondern ebenso unter sehr hohen Arbeitskosten und einer überbordenden Bürokratie. Wenn nun auch die Belastungen von außen zunehmen, müssen wir die hausgemachten Belastungen etwas herunterfahren." Sie forderte faire Spielregeln für Rechtssicherheit und Wettbewerb. "Diese dürfen aber nicht zu einem zu engen Korsett werden. Das hemmt Innovation und treibt die Kosten." 

Um dauerhaft auf den Wachstumspfad zurückzukehren, "müssen wir die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft erhöhen. Innovative Unternehmen brauchen viel mehr Flexibilität, um auf Erfolge und Misserfolge zu reagieren. Leider sind die Regelungen an unseren Kapital- und Arbeitsmärkten ebenso wie das Steuersystem heute wenig innovationsfreundlich", betonte IHK-Hauptgeschäftsführer Lars Schöning. Er forderte daher, die drei wesentlichen "Innovationshindernisse" stark regulierte Kapitalmärkte, eingeschränkte Verlustverrechnung und einen wenig flexiblen Arbeitsmarkt zu beseitigen.  

Mit Mut, Zuversicht und Tatkraft könne der Standort Deutschland zu alter Hochform auflaufen. "Es ist zwar nicht alles Gold in Deutschland, aber es ist auch bei weitem nicht alles nur schlecht. Ein bisschen Zuversicht und Vertrauen in unsere Stärken sind durchaus angemessen oder auch ein wieder erstarkendes Selbstvertrauen in die eigene Stärke, die eigene Innovationskraft und den Standort einer der weltweit führenden Wirtschaftsnationen. Wir Deutsche machen uns derzeit immer so klein – völlig unnötig", so Schöning.